Es war einmal ...
Das Neuthal um 1840
Das Fabrikgebäude links ist mit einem Übergang im 1. Stock zum Fabrikantenwohnhaus verbunden. Rechts steht das Oekonomiegebäude.
Im Hintergrund leitet der Aquädukt das Wasser auf die beiden grossen Wasserräder, die an der oberen Stirnseite des Fabrikgebäudes übereinander angeordnet waren.
Im Vordergrund der untere Park mit Gartenanlagen.
Eine Baumwollspinnerei im Neuthal
Die grosse Baumwollspinnerei in Neuthal wurde als eine der ersten im Zürcher Oberland durch Johann Rudolf Guyer und seinem Teilhaber Johann Caspar Reinhart, Inhaber der Firma Geilinger & Blum 1826/27 erstellt.

Zum Zwecke der Wasserkraftnutzung — damals die einzige mögliche Energie für mechanische und industrielle Betriebe, wurde die bereits 1379 beurkundete Mühle Müetschbach erworben.

Antrieb mit zwei Wasserrädern

In einem Radhausanbau an die Fabrik kam 1827 ein erstes und ab 1832 ein zweites 40 Fuss hohes Wasserrad in Betrieb.
Die zwei Wasserräder mit einem Durchmesser von je 12 Metern wurden durch einen Aquädukt mit Wasser gespiesen

.rondelleDie Doppel-Wasserräder laufen wieder!

Die ersten Maschinen wurden aus England importiert und mussten von Winterthur aus sechsspännig das Tössbett hinaufgezogen werden.

Fabrikantenwohnhaus mit Uhr und Glocke
Im Jahre 1834 wurde neben der Fabrik das Fabrikantenwohnhaus gebaut.
Ein Salon im Vabrikantenwohnhaus
Ueber den fünf Fenstern im Salon stehen die Lebensweisheiten des Besitzers Adolf Guyer-Zeller in englischer, lateinischer, französischer und deutscher Sprache.

KNOWLEDGE IS POWER !
Wissen ist Macht !

VOLERE E POTERE !
Wollen ist Können !

FAIS CE QUE DOIS, ADVIENNE CE QUE POURRA !
Tu was du musst, geschehe was da wolle !

QUI PROFICIT IN ARTIBUS, ET DEFICIT IN MORIBUS, PLUS DEFICIT QUAM PROFICIT !
Wer in den Künsten Fortschritte macht und in der Moral nachlässt, macht mehr Rückschritte als Fortschritte !

ERST WIEG`S, DANN WAG`S !

Die ersten sieben Jahre hatte die Familie in der Fabrik gewohnt, wo täglich 14 Stunden lang die Maschinen rumpelten. Im gleichen Jahr wurde auch das Oekonomiegebäude mit Schreinerei erstellt.

1847 Bau eines Garnmagazines.

1865 Bau des zweiten Oekonomiegebäudes mit Pferdestallungen.

1870 folgten zwei Baumwollmagazine. Im gleichen Jahr erfolgte der Bau einer Betriebsschlosserei (Kapelle), die frühere Betriebsschlosserei war im Wohnhaus (heute Salon) untergebracht.

1878 Projektierung der Erneuerung und Vergrösserung des Maschinenparkes.

Von den zwei Holzwasserrädern zur eisernen Girardturbine
1879 wurde das Radhaus mit den beiden Wasserrädern abgebrochen und an deren Stelle ein Turbinengebäude mit zwei Girard-Turbinen erstellt. Im gleichen Jahr kam auch die dritte Girardturbine mit Seiltransmission am Weissenbach in Betrieb.

1881 folgte der Anbau eines Batteur- und Zwirnereigebäudes. 1881 folgte als letztes Gebäude der hintere Schopf, heute "Reithalle" genannt.

Für den Betrieb der Turbinen wurde 1879/80 der äussere Weiher vergrössert und 1883 der Farenbühlweiher mit Regulierturm und Druckleitung gebaut.

In den Jahren 1885/6 konnte nach dem Bau von Strassen und Bahnen die Kohle für die Energiegewinnung verwendet werden.
Steht ein Kamin — ist eine Dampfmaschine in Betrieb
Auf der Ostseite der Fabrik enstand ein dreigliederiger Dampfkesselhausanbau und ein grosser Hochkamin, die 1956 wieder abgebrochen wurden.

In den 1890er Jahren wurde die Umgebung der Fabrik durch Guyer-Zeller in eine Parklandschaft umgewandelt.
1899 verstarb Adolf Guyer-Zeller.
Der Wissenbach-Viadukt — vom Tösstal ins Glatttal
Zwei Jahre später wurde die von ihm initierte Uerikon-Bauma-Bahn eröffnet.
1908 erhielt die Fabrik elektrische Energie, die Trafostation befand sich in einem Anbau an die Kapelle.
Von der Spinnerei zur Weberei
1945 wurden die Spinnereimaschinen verkauft und im 1. Obergeschoss 40 Webautomaten in Betrieb genommen.
1964 kam das endgültige Ende der Fabrik, der Webereibetrieb wurde eingestellt.

Quelle: Walter Sprenger - 2001